Hip, hipper, Hipste

Studiengebühren und der Wunsch, wenigstens eine ehemalige Ländergrenze zwischen mich und meine bayerische Verwandtschaft zu bringen, haben mich vor nunmehr drei Jahren dazu bewogen, ein Studium der Kommunikationswissenschaft in Jena zu beginnen. Mit gerade 18 Jahren zog ich also aus der bayerischen Kleinstatt in die für mich schon sehr großstädtisch wirkende Hochburg des thüringer Studentenkults. An meinem ersten Tag in der Uni kaufte ich mir – wie alle anderen Erstis auch – einen Jutebeutel mit dem Logo der Uni. Hier hatte jeder so einen und ich wollte mich ganz dringend assimilieren und tarnen, um nach Möglichkeit ein paar nette Menschen kennenzulernen, die mich nicht aufgrund meiner Wessi-Herkunft etikettierten. Erstaunt stellte ich bei meiner ersten „Ersti-Party“ fest, dass diese praktischen Utensilien nicht nur zur Unitasche sondern auch zum Weggehtäschchen zu taugen schienen – zumidest für die wirklich coolen Mädels im Rosenkeller. Bald hatte ich alle Handtaschen durch Jutebeutel mit tiefsinnigen Sprüchen und schrillen Farben ersetzt und fühlte mich dabei sehr up-to-date. Das änderte sich, als ich zum ersten mal mit dieser Aufbewahrungsmöglichkeit unter dem Arm meine alte Schulfreundin Chrissi besuchte, die sich für ein Studium im sicheren Bayerischen Inland entschieden hatte. Chrissi ist eigentlich zumindest optisch die Personifikation des Bösen. Klein, brünett, unfassbar niedlich, riesige braune Augen, ein Traum-Figürchen und ein zartes Stimmchen. Es fehlen eigentlich nur noch die kleinen Waldtiere, die angetrabt kommen sobald sie ihren Kirschmund öffnet. Neben solchen Menschen fühlt man sich als normalgroße, normalgewichtige, durchschnittlich attraktive Frau wie Godzilla neben einem Gänseblümchen. Und das Gänseblümchen ist auch noch unfassbar charmant und nett und studiert…BWL. Eigentlich wäre ich mit einer solchen Person nie befreundet, aber zu Chrissis Glück (oder auch Unglück) kannten wir uns schon bevor Libido und Futterneid sich in der Pubertät zu entwickeln begannen. Kurz: Sie ist eine meiner engsten und längsten Freundinnen und ich versuche nur noch selten, sie mit kalorienhaltigen Süßigkeiten auf die dunkle Seite der Macht zu ziehen, um die Chancengleichheit wieder herzustellen.

Eines schönen Wochenendes besuchte ich also meine perfekte Freundin Chrissi in ihrer perfekt eingerichteten Studentenwohnung im perfekten Regensburg. Ich hatte – passend zum Outfit – einen Lila Universitätsjutebeutel dabei und freute mich auf einen lustigen Kneipenabend. Wir machten uns Ausgehfertig, schwatzten und lachten und köpften einen kleinen Prosecco. Dann wollten wir los und uns ins Nachtleben stürzen. Ich griff mir meinen Beutel und zog meine Jacke an. Dann traf ich zufällig Chrissis Blick. Entgeistert starrte sie meinen Jutebeutel an. „Willst du den etwa mitnehmen?“ – „Ja klar, ist viel praktischer als so ein albernes kleines Handtäschchen und auch irgendwie cooler“ – ein beleidigter Blick, dann Skepsis „Das ist doch nicht dein ernst. Du kannst doch nicht mit einem Einkaufsbeutel feiern gehen!“ – „Doch klar, bei uns machen das alle. Also in Jena. Da ist das normal.“ – „Ähm..du kannst deine Sachen auch mit in meine Tasche packen, wenn du keine dabei hast“ – „Ne ist echt okay, passt doch zum Kleid“. Schweigen. Ich konnte Chrissis Gedanken förmlich lesen. Schließlich siegte unsere Freundschaft über ihr eindeutiges Missfallen, so mit mir in der Öffentlichkeit gesehen zu werden.

Das war das erste Mal, dass mir die Unterschiede zwischen meiner alten und meiner neuen Heimat auffielen. Doch mit dem neuen Accessoire des Jutebeutels war es noch nicht getan. Einige Wochen später bekam ich eine neue Brille. Dunkelrot und ziemlich groß. Als ich damit zum ersten mal in die Uni kam – siegessicher, denn ich fand mich ziemlich cool – lernte ich einen Begriff, der mich noch sehr lange beschäftigen würde. „Oh mein Gott Anna, die Brille ist ja total hipster!“ Rief mir meine Komilitonin Anne entgegen. Nach einem fragenden Blick bekam ich eine kurze Zusammenfassung dessen, was ich zunächst für ein seltsames Adjektiv gehalten hatte. Es war kein Adjektiv, es war ein Subjekt. „Hipster“ war also jemand mit großen Billen, Jutebeuteln, Röhrenjeans und Clubmate. Und plötzlich sah ich sie überall. Jeder zweite Mensch auf dem Campus, alles Hipster! Hätte ich doch nur früher begriffen, dass das eine eigene Spezies ist! Und offenbar war ich auf bestem Wege, eine von ihnen zu werden. Das ist allerdings gar nicht so leicht. Man muss nämlich wissen, dass Hipster nur ungerne andere Menschen akzeptieren. Sie akzeptieren überhaupt nur sehr ungerne Dinge, die eventuell ihre Coolness gefährden könnten. Aber dazu später mehr.
Beim nächsten Urlaub an der Heimatfront klärte ich meinen Kumpel Michi über das Hipster-Konzept auf. „Also, wenn du mich fragst ist das nur ein verdammt schlauer Trick von irgendwelchen Spargeltarzans, die sonst NIE eine Frau bekommen würden, überdurchschnittlich attraktive Mädels rumzukriegen, die auf sie stehen, weil sie so hipster sind. Was soll das überhaupt heißen?“ Ja, was hieß Hipster eigentlich. War das der Superlativ des Adjektivs „hip“ – also hip, hipper Hipster? Oder doch eher der personalisierte Komparativ des selbigen? (Nein ich hatte keinen Deutsch LK, ich hatte nur Internet) Ich habe gegoogelt. Genauer gesagt, zitiere ich jetzt Wikipedia als verlässlichste aller Quellen:

Gegenwärtig wird der Ausdruck in den Medien eher negativ und mit spöttischem Unterton gebraucht, indem er ein eher unpolitisches, oberflächliches soziales Milieu umschreibt, welches offensiv versucht, ein intelligentes, aufgeklärtes und zugleich modebewusstes[1] Anderssein vom Mainstream zu kultivieren und in den Vordergrund zu stellen. Da Hipster jedoch selbst eine Subkultur, d. h. eine größere Ansammlung gleichgerichteter Menschen bilden, geht deren angestrebte Individualität durch die weite Verbreitung dieser Gleichartigkeit wieder verloren.

Aha. Ich bin also total Mainstream und damit absolut un-hipster, wenn ich mich hier über die Hipster lustig mache. Verdammt. Dabei wollte ich soch so gerne dazugehören. Ich habe es ein paar mal ernsthaft versucht. Habe mir schwarze H&M-Minis angezogen, die alte Leder-Aktentasche meiner Mutter geklaut und mir sogar eine Bluse meiner Oma angezogen. Dazu eine „Null-Bock-Miene“ und ein süffisantes „Ich bin doch eh geiler als ihr“-Lächeln mit der richtigen Spur Unsicherheit. Bäm. Ich war so Hipster man. Das hat die Hipster-Jungs allerdings nicht besonders interessiert. Vielleicht hab ichs einfach nicht rübergebracht, könnte an meiner Herkunft liegen. Bei uns in Bayern sind Hipster nämlich noch absolute Raritäten. Um genau zu sein kommt man da aufm Dorf mit Röhrenjeans als Kerl nicht mal in die Dorfdisko sondern bekommt vom Türsteher den freundlichen Rat, sich doch nochmal Gedanken über seine sexuelle Orientierung zu machen bevor man so zum „Bunny-Evening“ geht. Auf bayerisch klingt das allerdings etwas uriger. Etwa so „Bisd du ebbad schwul oda wos? A so loas i di niead do eine, hast du da ebba a Handdaschn dabei?“ Schafft man es doch rein – zum Beispiel weil nix los ist, man nett ist oder Brüste hat – und bestellt an der Bar eine Club Mate schaut der Bar Keeper etwas skeptisch und stellt dir ein Bier hin. Bestellt man beim nächsten mal schon etwas angesäuert eine Bionade (das werden die ja wohl sogar hier kennen) bekommt man – ein Bier. Frägt man schließlich total genervt ob denn irgendwas auf der Speisekarte vegan ist lautet die Antwort: „Es Schnitzl is mocher“ (Das Schnitzel ist sehr mager). Vielen Dank. In Bayerns ländlichen Regionen muss der Trend eindeutig noch ankommen. Meine Theorie ist, dass sich Hipster von Berlin aus ansteckend in sukzessiven Kreisen verbreiten, und irgendwann kurz die Weltherrschaft an sich reißen werden. Bis ihnen auffällt, dass das eigentlich total Mainstream ist…

16.10.14 22:13, kommentieren

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